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Warum fast jedes Softwarehaus in der Industrie auf .NET setzt – und warum das nicht die wichtigste Frage ist

Ich habe in den letzten Wochen bei mehreren Softwarehäusern im Bereich Industrie 4.0 angeklopft. Das Bild war fast immer dasselbe: .NET, C#, sonst kaum etwas. Kein Zufall – aber auch keine vollständige Antwort auf die Frage, wer für den Shopfloor die richtige Besetzung ist.

Warum .NET/C# dominiert

▸ Historie. Beckhoff TwinCAT ist direkt in Visual Studio integriert. Siemens‘ TIA-Openness-Schnittstelle setzt auf .NET-APIs. Auf klassischen Industrie-PCs lief über Jahrzehnte Windows – .NET war dort schlicht der naheliegende Stack.

▸ Konnektivität. Für OPC UA stellt die OPC Foundation historisch drei gleichrangige Stack-Implementierungen bereit: .NET, ANSI C und Java. In der Praxis ist heute die ANSI-C-Variante am weitesten verbreitet, die .NET-Implementierung wird aber oft missverständlich als „die“ Referenzimplementierung bezeichnet – und ist entsprechend gut gepflegt und dokumentiert. Viele Sensor- und Maschinenhersteller liefern ihre SDKs zuerst oder ausschließlich für C#.

▸ Modernisierung. Seit .NET Core läuft der Stack nativ und performant auch auf Linux-Edge-Gateways – nicht mehr nur auf Windows. Microservices, REST-APIs, MQTT lassen sich damit genauso bauen wie klassische Windows-Clients.

▸ Mittelstand-IT. Der deutsche Maschinenbau-Mittelstand ist IT-seitig durch und durch Microsoft-geprägt: Active Directory, SQL Server, Windows-Clients. Ein .NET-Stack fügt sich da nahtlos ein, ohne Reibung mit der bestehenden Governance.

Alles nachvollziehbar. Und trotzdem sitzt bei mir ein Gedanke fest.

Die falsche erste Frage

Wenn ich mit einem Schichtleiter spreche, fragt der mich nicht, in welcher Sprache mein Code geschrieben ist. Er fragt, ob die Anlage am Montag wieder läuft.

C# lässt sich lernen. Syntax, Frameworks, Architekturstandards sind Handwerk – mit solider Entwicklungserfahrung und moderner KI-Unterstützung geht die Einarbeitung heute schneller als noch vor zehn Jahren, und die meisten Softwarehäuser haben ohnehin klare interne Standards, die den Einstieg erleichtern.

Was sich dagegen nicht in ein paar Wochen aneignen lässt:

▸ Wissen, wie sich ein Rüstvorgang unter Zeitdruck anfühlt.

▸ Verstehen, wann ein Schichtleiter wirklich ein Ticket schreibt – und wann er stattdessen einfach nur flucht.

▸ Begreifen, warum eine Meldung am Terminal in drei Sekunden erfassbar sein muss, nicht in dreißig.

Warum das mehr als eine Randnotiz ist

Das größte Problem bei industrieller Software ist selten schlechter Code. Es sind die zwanzig Buttons und drei Bestätigungsdialoge, die zwischen dem Werker und seinem eigentlichen Ziel stehen. Software, die am Schreibtisch durchdacht wurde, ist nicht automatisch Software, die auch um sechs Uhr in der Frühschicht funktioniert.

Genau das ist der blinde Fleck, wenn Stellenausschreibungen ausschließlich nach Sprache und Framework filtern: Ein Kandidat, der jede geforderte Zeile im Lebenslauf erfüllt, aber nie an einer Anlage gestanden hat, muss dieses Praxisverständnis erst noch erwerben – während jemand mit Shopfloor-Erfahrung und einem anderen Stack die fachliche Lücke oft schneller schließt als umgekehrt.

Meine These

Die Frage „Welchen Stack beherrschst du?“ ist in der Industrie-Digitalisierung oft die falsche erste Frage. Die richtige wäre: Verstehst du, was auf dem Hallenboden wirklich passiert – und kannst du das praxistauglich in Software übersetzen, unabhängig von der Sprache?