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# 328 Fertiger, drei Treffer – und warum das die gute Nachricht ist

Ich wollte wissen, wo in meiner Region gerade in Produktions-IT investiert

wird. Nicht raten, nicht schätzen – nachsehen. Herausgekommen ist ein

Werkzeug, das ich jetzt öffentlich gestellt habe, und ein Befund, der mich

selbst überrascht hat.

## Die naive Version funktioniert nicht

Der erste Ansatz war naheliegend: Firmenwebsites lesen und zählen, wie oft

Begriffe wie MES, BDE, OPC UA oder Industrie 4.0 vorkommen. Wer am meisten

darüber schreibt, ist am weitesten – dachte ich.

Ganz oben in der Liste stand ein Elektrogroßhandel.

Der redet natürlich über Digitalisierung. Er verkauft sie. Auf Platz zwei ein

Automatisierungsdienstleister, auf Platz drei ein Systemhaus. Die Auswertung

hatte zuverlässig meinen eigenen Wettbewerb gefunden.

Das ist kein Programmierfehler, sondern ein Denkfehler: **Wer am lautesten

über ein Thema spricht, ist meistens der Anbieter, nicht der Kunde.**

## Vier Fragen statt einer

Seitdem bewertet das Werkzeug jede Firma anhand von vier Fragen:

**Ist das überhaupt ein Fertiger mit Maschinenpark?** Spritzguss, Werkzeugbau,

Stanztechnik, Zerspanung, Serienfertigung, Schichtbetrieb, IATF 16949. Ohne

Treffer hier zählt alles andere nicht. Der Firmenname zählt mit – „Goller

Kunststofftechnik“ sagt schon alles, auch wenn die Website aus drei Sätzen

besteht.

**Reden sie öffentlich über das Thema?** MES, BDE, MDE, OPC UA, Shopfloor,

OEE, papierlose Fertigung, Rückverfolgbarkeit.

**Suchen sie gerade Leute dafür?** Das ist das stärkste Signal. Eine offene

Stelle für Produktions-IT, SPS-Programmierung oder Arbeitsvorbereitung

bedeutet: Es gibt ein Budget und einen Termin. Deshalb zählt ein Begriff auf

der Karriereseite viermal so viel wie im Fließtext.

**Oder verkaufen sie es selbst?** Großhandel, Systemhaus, Ingenieurbüro,

Zeitarbeit. Kein Kunde – aber gut zu wissen.

## Das Ergebnis

328 Betriebe im Raum Franken und Oberpfalz, aus OpenStreetMap geholt und

einzeln durchgesehen:

**3 Betriebe** mit aktivem Bedarf – sie investieren gerade oder suchen Leute

dafür.

**22 Betriebe** haben das Thema angefasst: erste Signale, aber noch nichts

Handfestes.

**127 Betriebe** passen ins Profil und zeigen null Signale.

**176 Betriebe** fielen raus – Handel, Wettbewerb oder schlicht das falsche

Profil.

Drei. Nicht drei Prozent, drei Betriebe von 328, die öffentlich erkennbar in

Produktions-IT investieren.

Man kann das als schlechte Nachricht lesen. Ich lese es andersherum: **Die 127

sind der Markt.** Das sind Betriebe, die exakt ins Profil passen – Spritzguss,

Zerspanung, Stanztechnik, Elektronikfertigung – und bei denen Digitalisierung

in der Außendarstellung schlicht nicht vorkommt. Dort hat noch niemand

angefangen. Wer zuerst kommt, trifft auf keinen eingeführten Anbieter.

Das deckt sich mit dem, was ich in über 30 Jahren in der Fertigung gesehen

habe: Die Systeme entstehen dort, wo jemand ein konkretes Problem hat – ein

Schichtbuch aus Papier, eine Rüstzeit, die niemand kennt, eine Reklamation,

die sich nicht zurückverfolgen lässt. Nicht dort, wo eine Digitalstrategie

beschlossen wurde.

## Wie es technisch funktioniert

Die Firmenliste kommt aus **OpenStreetMap** über die Overpass-API: eine

Abfrage, alle Betriebe einer Region, die dort eine Website hinterlegt haben.

Kostenlos, kein API-Schlüssel, ausdrücklich für Massenabfragen gedacht.

Der Crawler liest je Firma die Startseite plus Karriere-, Technik- und

Über-uns-Seite. Er hält sich an robots.txt, macht 1,5 Sekunden Pause je

Domain, liest höchstens sechs Seiten und nennt sich im User-Agent beim Namen.

Parallel bearbeitet werden verschiedene Firmen, nie mehrere Seiten derselben

Domain – ein fremder Server sieht unverändert einen gemächlichen Besucher.

Gezählt werden **verschiedene Begriffe, nicht Treffer**. Sonst bekäme eine

Firma mit sechs lesbaren Unterseiten automatisch das Sechsfache einer mit

einer – der Score würde die Website-Größe messen statt des Signals.

Herauskommt eine eigenständige HTML-Datei: durchsuchbar, sortierbar,

verschickbar, ohne Server und ohne Internetverbindung.

## Für dein Thema

Das Werkzeug weiß nichts über Fertigung. Drei Dinge machen das Thema aus, und

alle drei stehen in einer einzigen Konfigurationsdatei: welche Objekte

überhaupt als Betrieb gelten, wonach im Text gesucht wird, und in welcher

Region.

Der erste Punkt ist der entscheidende. In der Vorgabe sucht die Abfrage

Fabriken, Handwerks- und Industriebetriebe. Wer Praxissoftware verkauft, setzt

dort „[„amenity“=“doctors“]“ ein, wer Hotelbedarf liefert „[„tourism“=“hotel“]“,

wer Werkstattausrüstung verkauft „[„shop“=“car_repair“]“. Dazu die passenden

Begriffe — und dasselbe Werkzeug arbeitet für ein völlig anderes Geschäft.

Eine Grenze gibt es: OpenStreetMap kennt Betriebe mit Adresse. Reine

Online-Geschäfte ohne Standort stehen dort selten. Für die ist die

Suchmaschinen-Variante der bessere Weg.

Einrichten geht im Browser: Ort und Umkreis eingeben, Begriffe pflegen, Läufe

starten und live mitlesen. Alles läuft lokal, es gibt keinen Dienst und keine

Cloud.

**MIT-Lizenz, Quelltext auf GitHub:**

https://github.com/saschafo/marktradar

Fragen, Fehler und Begriffslisten für andere Branchen gerne über die Issues.

Gerade Letzteres hilft anderen mehr als jede Codeänderung.