Ich wollte wissen, wo in meiner Region gerade in Produktions-IT investiert
wird. Nicht raten, nicht schätzen – nachsehen. Herausgekommen ist ein
Werkzeug, das ich jetzt öffentlich gestellt habe, und ein Befund, der mich
selbst überrascht hat.
## Die naive Version funktioniert nicht
Der erste Ansatz war naheliegend: Firmenwebsites lesen und zählen, wie oft
Begriffe wie MES, BDE, OPC UA oder Industrie 4.0 vorkommen. Wer am meisten
darüber schreibt, ist am weitesten – dachte ich.
Ganz oben in der Liste stand ein Elektrogroßhandel.
Der redet natürlich über Digitalisierung. Er verkauft sie. Auf Platz zwei ein
Automatisierungsdienstleister, auf Platz drei ein Systemhaus. Die Auswertung
hatte zuverlässig meinen eigenen Wettbewerb gefunden.
Das ist kein Programmierfehler, sondern ein Denkfehler: **Wer am lautesten
über ein Thema spricht, ist meistens der Anbieter, nicht der Kunde.**
## Vier Fragen statt einer
Seitdem bewertet das Werkzeug jede Firma anhand von vier Fragen:
**Ist das überhaupt ein Fertiger mit Maschinenpark?** Spritzguss, Werkzeugbau,
Stanztechnik, Zerspanung, Serienfertigung, Schichtbetrieb, IATF 16949. Ohne
Treffer hier zählt alles andere nicht. Der Firmenname zählt mit – „Goller
Kunststofftechnik“ sagt schon alles, auch wenn die Website aus drei Sätzen
besteht.
**Reden sie öffentlich über das Thema?** MES, BDE, MDE, OPC UA, Shopfloor,
OEE, papierlose Fertigung, Rückverfolgbarkeit.
**Suchen sie gerade Leute dafür?** Das ist das stärkste Signal. Eine offene
Stelle für Produktions-IT, SPS-Programmierung oder Arbeitsvorbereitung
bedeutet: Es gibt ein Budget und einen Termin. Deshalb zählt ein Begriff auf
der Karriereseite viermal so viel wie im Fließtext.
**Oder verkaufen sie es selbst?** Großhandel, Systemhaus, Ingenieurbüro,
Zeitarbeit. Kein Kunde – aber gut zu wissen.
## Das Ergebnis
328 Betriebe im Raum Franken und Oberpfalz, aus OpenStreetMap geholt und
einzeln durchgesehen:
**3 Betriebe** mit aktivem Bedarf – sie investieren gerade oder suchen Leute
dafür.
**22 Betriebe** haben das Thema angefasst: erste Signale, aber noch nichts
Handfestes.
**127 Betriebe** passen ins Profil und zeigen null Signale.
**176 Betriebe** fielen raus – Handel, Wettbewerb oder schlicht das falsche
Profil.
Drei. Nicht drei Prozent, drei Betriebe von 328, die öffentlich erkennbar in
Produktions-IT investieren.
Man kann das als schlechte Nachricht lesen. Ich lese es andersherum: **Die 127
sind der Markt.** Das sind Betriebe, die exakt ins Profil passen – Spritzguss,
Zerspanung, Stanztechnik, Elektronikfertigung – und bei denen Digitalisierung
in der Außendarstellung schlicht nicht vorkommt. Dort hat noch niemand
angefangen. Wer zuerst kommt, trifft auf keinen eingeführten Anbieter.
Das deckt sich mit dem, was ich in über 30 Jahren in der Fertigung gesehen
habe: Die Systeme entstehen dort, wo jemand ein konkretes Problem hat – ein
Schichtbuch aus Papier, eine Rüstzeit, die niemand kennt, eine Reklamation,
die sich nicht zurückverfolgen lässt. Nicht dort, wo eine Digitalstrategie
beschlossen wurde.
## Wie es technisch funktioniert
Die Firmenliste kommt aus **OpenStreetMap** über die Overpass-API: eine
Abfrage, alle Betriebe einer Region, die dort eine Website hinterlegt haben.
Kostenlos, kein API-Schlüssel, ausdrücklich für Massenabfragen gedacht.
Der Crawler liest je Firma die Startseite plus Karriere-, Technik- und
Über-uns-Seite. Er hält sich an robots.txt, macht 1,5 Sekunden Pause je
Domain, liest höchstens sechs Seiten und nennt sich im User-Agent beim Namen.
Parallel bearbeitet werden verschiedene Firmen, nie mehrere Seiten derselben
Domain – ein fremder Server sieht unverändert einen gemächlichen Besucher.
Gezählt werden **verschiedene Begriffe, nicht Treffer**. Sonst bekäme eine
Firma mit sechs lesbaren Unterseiten automatisch das Sechsfache einer mit
einer – der Score würde die Website-Größe messen statt des Signals.
Herauskommt eine eigenständige HTML-Datei: durchsuchbar, sortierbar,
verschickbar, ohne Server und ohne Internetverbindung.
## Für dein Thema
Das Werkzeug weiß nichts über Fertigung. Drei Dinge machen das Thema aus, und
alle drei stehen in einer einzigen Konfigurationsdatei: welche Objekte
überhaupt als Betrieb gelten, wonach im Text gesucht wird, und in welcher
Region.
Der erste Punkt ist der entscheidende. In der Vorgabe sucht die Abfrage
Fabriken, Handwerks- und Industriebetriebe. Wer Praxissoftware verkauft, setzt
dort „[„amenity“=“doctors“]“ ein, wer Hotelbedarf liefert „[„tourism“=“hotel“]“,
wer Werkstattausrüstung verkauft „[„shop“=“car_repair“]“. Dazu die passenden
Begriffe — und dasselbe Werkzeug arbeitet für ein völlig anderes Geschäft.
Eine Grenze gibt es: OpenStreetMap kennt Betriebe mit Adresse. Reine
Online-Geschäfte ohne Standort stehen dort selten. Für die ist die
Suchmaschinen-Variante der bessere Weg.
Einrichten geht im Browser: Ort und Umkreis eingeben, Begriffe pflegen, Läufe
starten und live mitlesen. Alles läuft lokal, es gibt keinen Dienst und keine
Cloud.
**MIT-Lizenz, Quelltext auf GitHub:**
https://github.com/saschafo/marktradar
Fragen, Fehler und Begriffslisten für andere Branchen gerne über die Issues.
Gerade Letzteres hilft anderen mehr als jede Codeänderung.